„Créer des liens“ – Verbindungen schaffen

Deutsch-französischer Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium am Römerkastell und dem Collège SainteMarguerite-Marie in Josselin

Hoch über den Weinbergen von Rüdesheim schwebten französische und deutsche Jugendliche gemeinsam in der Seilbahn über das Rheintal. Unten glitzerte der Rhein, zwischen den Gruppen wechselten Deutsch, Französisch und Englisch oft innerhalb eines einzigen Satzes. „Von oben sah der Rhein fast aus wie auf einem Gemälde“, sagte eine Schülerin begeistert, während sich der Blick weit über die Landschaft öffnete.

Vielleicht beschreibt genau dieser Moment am besten, worum es beim diesjährigen deutsch-französischen Austausch zwischen dem Gymnasium am Römerkastell in Alzey und der französischen Partnerschule Sainte Marguerite-Marie in Josselin ging: um Begegnung, Perspektivwechsel und darum, Verbindungen zu schaffen.

Seit vielen Jahrzehnten besteht die Partnerschaft zwischen beiden Schulen. Und obwohl die deutsche Sprache in Frankreich längst nicht mehr selbstverständlich gewählt wird und vielerorts rückläufig ist, gelingt es immer wieder, große Austauschgruppen zusammenzustellen. Für viele Jugendliche ist gerade die Möglichkeit entscheidend, die Sprache nicht nur im Unterricht zu lernen, sondern tatsächlich anzuwenden und mit Leben zu füllen.

„Im Unterricht lernt man Grammatik – hier lernt man Menschen kennen“, formulierte es eine französische Teilnehmerin treffend.

Unter dem Motto „Créer des liens – Verbindungen schaffen“ verbrachten 34 französische Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren zehn Tage in Alzey und Umgebung. Das Programm bewegte sich dabei ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Natur und Großstadt, Technik und persönlicher Begegnung.

Schon der Blick in Alzey vom Wartbergturm über die rheinhessische Landschaft vermittelte vielen Gästen ein Gefühl für die Region. Nur wenig später stand die Gruppe mitten in Frankfurt zwischen Glasfassaden, Hochhäusern und dichtem Großstadtleben. „Die Hochhäuser sehen aus wie aus einem Film“, meinte ein Schüler beeindruckt beim Blick auf die Skyline.

Im Historischen Museum Frankfurt begegnete die Gruppe historischen Verbindungen zwischen Deutschland und Frankreich. Wenige Straßen weiter führte das Museum für Kommunikation mitten hinein in die Geschichte menschlicher Verständigung. Vor den frühen technischen Geräten wurde plötzlich sichtbar, wie jung unsere heutige digitale Welt eigentlich ist.

Bei den historischen Telefonvermittlungen im Frankfurter Kommunikationsmuseum schüttelten viele Schülerinnen undSchüler ungläubig den Kopf. „Dass jemand Gespräche per Hand verbinden musste, ist völlig verrückt“, meinte eine Schülerin lachend.

Gleichzeitig zeigte sich, wie selbstverständlich Smartphones und Übersetzungsprogramme heute helfen, Sprachbarrieren zu überwinden. Oft entstanden Gespräche irgendwo zwischen Französisch, Deutsch, Englisch und digitalen Übersetzungen — und funktionierten trotzdem erstaunlich gut.

Zwischen römischen Steinsäulen in Alzey und Greenscreen-Technik beim ZDF bewegte sich der Austausch immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Im ZDF-Sendezentrum experimentierten die Jugendlichen selbst vor der Kamera. „Plötzlich standen wir mitten in den Nachrichten“, erzählte ein Teilnehmer lachend.

Auch Mainz und Speyer hinterließen bleibende Eindrücke. Der Mainzer Dom beeindruckte viele durch seine Größe und Wucht, während sich im Technik Museum Speyer historische Fahrzeuge, Flugzeuge und Raumfahrttechnik beinahe wie eine Zeitreise durch die letzten hundert Jahre anfühlten. Besonders beliebt blieb allerdings die riesige Boeing auf dem Außengelände.

„Die Rutsche aus dem Flugzeug war eindeutig das Highlight“, waren sich viele schnell einig.

Historische Spuren entdeckte die Gruppe schließlich auch in Alzey selbst. Im Museum der Stadt Alzey empfing Bürgermeister Steffen Jung die französischen Gäste. Die moderne Steinhalle mit ihren eindrucksvollen römischen Funden machte sichtbar, wie weit europäische Geschichte in der Region zurückreicht. Die Museumspädagogin Jutta Göttel-Becker führte die Gruppe anschaulich durch die Ausstellung und ließ die Römerzeit lebendig werden. Auch für den neuen Schulleiter Ronny Wolf wurde der Museumsbesuch zu einer besonderen Gelegenheit, die kulturellen Schätze der Stadt Alzey aus einer neuen Perspektive kennenzulernen.

Doch die eigentliche Bedeutung eines Austauschs entsteht oft nicht in Museen oder bei offiziellen Programmpunkten. Sie entsteht in den Momenten dazwischen: beim gemeinsamen Essen, bei spontanen Übersetzungen, bei Unsicherheiten, beim Lachen oder in Gesprächen, die manchmal mit wenigen Worten beginnen und trotzdem verstanden werden.

„Créer des liens bedeutet eben mehr als nur Sprache lernen“, fasste eine beteiligte Lehrkraft die vergangenen Tage zusammen. „Es geht darum, Menschen miteinander zu verbinden.“

Gemeinsam auf den Spuren der Geschichte im Museum der Stadt Alzey: Schulleiter Ronny Wolf, die Museumspädagogin Jutta Göttel-Becker und die französische Deutschlehrerin Cléo Lecomte mit ihrer Austauschgruppe aus Josselin
Zwischen Weinbergen und Rheinblick: Die Austauschgruppe aus Alzey und Josselin am Niederwalddenkmal in Rüdesheim
Wie entsteht eigentlich Fernsehen? Die französischen Jugendlichen experimentieren beim Besuch des ZDF in Mainz mit Studiotechnik und Kamera
Mit Blick über Rheinhessen: Die deutsch-französische Austauschgruppe am Wartbergturm in Alzey

Text und Bilder: Kathrin Schik

 

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