Am 27. Oktober 2008 erzählte Beate Niemann in der Aula der Bleichstraße von ihrer Suche nach ihrem "wahren Vater", einem verurteilten Massenmörder des Dritten Reiches. Anschließend ergriffen Schülerinnen und Schüler die Chance zu einer angeregten Diskussion mit der Autorin.
Es kommt darauf an Mensch zu sein und nicht, sich hinter einer Fahne zu verstecken!“, so antwortete Beate Niemann im Rahmen der ersten Veranstaltung des neugegründeten RöKa-Forums auf die Frage, wie weit Nationalstolz und Patriotismus in unserer heutigen Gesellschaft gehen dürfen. Am 27. Oktober fand ein Diskussionsabend zu dem Thema „Die Bewältigung ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit wird die Deutschen auch noch in weiteren Generationen beschäftigen“ in der Aula der Bleichstraße statt. Die Autorin Beate Niemann berichtete an diesem Abend über die Probleme, denen sich Kinder von Nationalsozialisten bei der Bewältigung ihrer Familiengeschichte stellen müssen. Sie drehte hierzu zusammen mit Yoash Tatari einen Film über die Spurensuche nach ihrem Vater, Bruno Sattler, der im Dritten Reich ein Massenmörder in verantwortlicher Position war und 1972 in einem DDR-Gefängnis starb. Diesen Film konnten sich Interessierte bereits am 21. Oktober ansehen. Nach einer kurzen Einleitung durch Herrn Langkabel und Frau Rönsberg, die das Treffen organisierte, gab Frau Niemann einen kurzen Abriss über ihre Geschichte und die Suche nach ihrem „wahren“ Vater. Durch die Lügen der Mutter wuchs sie in dem Glauben auf, dass der Vater völlig unschuldig im Gefängnis saß. Erst als Beate Niemann 1992 einen Antrag auf Rehabilitierung ihres Vaters stellte und dieser schließlich abgelehnt wurde, begann sie zu recherchieren. Schließlich fand sie heraus, dass Bruno Sattler bei der Gestapo war und in Belgrad eigenständig Gaswagentransporte durchgeführt hatte, also ein Massenmörder war. Durch diese ungeheuerlichen Ergebnisse ihrer Nachforschungen musste sie auf eine schmerzliche Art und Weise erfahren, dass der Vater, von dem sie immer erzählt bekommen hatte, gar nicht der gute Vater, für den sie ihn ihr ganzes Leben gehalten hatte war, sondern ein überaus grausamer Verbrecher. Auf die Frage, ob sie Verständnis für die Handlungsweise ihres Vaters aufbringen könne, antwortete sie klar und deutlich mit "Nein". Sie könne nicht verstehen, wie ein Mensch mit Verstand sich dafür entscheiden könne, andere zu ermorden und sich so einer Partei zu verschreiben, dass er Befehlen ohne Widerspruch folge und die Ausübung derselben auch noch für richtig halte. Denn, erklärt sie, ihr Vater habe niemals Reue für seine Taten gezeigt und es hätte immer die Möglichkeit bestanden, sich den Befehlen zu widersetzen, sich zu weigern, unschuldige Menschen umzubringen. Nach eineinhalbstündiger reger Diskussion wurde schließlich die Frage nach der Schuld der Deutschen heute und besonders der jüngeren Generation aufgeworfen. Die 66-Jährige meinte dazu, dass die Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt haben und blind dem System gehorchten, ihre Mitschuld nicht verlieren, aber das selbstverständlich die Menschen keine Schuld mehr treffen kann, die in der Zeit des Nationalsozialismus selbst noch Kinder, beziehungsweise noch nicht einmal geboren waren. Allerdings tragen wir heute die Verantwortung dafür, zu verhindern, dass so etwas Schreckliches wie die Diktatur im Dritten Reich nicht mehr vorkommen kann und das Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgt und ermordet werden. Der Themenabend zeigte, dass die Vergangenheit noch längst nicht abgeschlossen ist und sozusagen zu den Akten gelegt werden darf. Sondern, dies zeigte Beate Niemann sehr deutlich, gerade heute, mit dem zeitlichen Abstand von über 60 Jahren, ein großer Aufklärungsbedarf, vor allem zwischen Tätern und Opfern, besteht.
Natalie Benzing (AG Öffentlichkeitsarbeit)
