Steinerne Zeugen deutsch-jüdischer Kultur in Alzey – Geschichts AG des Röka dokumentiert den Alzeyer Judenfriedhof

Vor fast 200 Jahren, im Jahr 1810, wurde unter napoleonischer Herrschaft ein neuer Friedhof in der Berliner Straße angelegt, auf dem ein eigenes Gräberfeld für Juden ausgewiesen wurde. Die Dokumentation dieses Judenfriedhofs wird in einem Projekt erfolgen, an dem die Geschichts-AG unserer Schule unter der Leitung von Dr. Helmut Schmahl und Sonja Koch teilnehmen wird.

Zu den weiteren Trägern der Initiative zählen Frau Renate Rosenau, andere Lokalhistoriker sowie das hiesige Museum und der Altertumsverein. Nachdem wir mit Frau Rosenau erste Vorüberlegungen angestellt hatten, besuchten wir in der vergangenen Woche nachmittags den Friedhof. Hier erfuhren wir von dem bekannten Flomborner Steinmetz Florian Geyer wichtige Informationen über die Materialien, aus denen die teils sehr kunstvollen und aufwändigen Grabsteine hergestellt wurden.

Zunächst erklärte Herr Geyer, der sehr lange als Restaurator gearbeitet hat, die Kapillargefäße im Stein. Es handelt sich hierbei um dünne Luftröhrchen, in denen das Wasser vom Boden her nach oben gelangt und bei Frost den Stein sprengen kann. Besonders betroffen sind hiervon die unteren Teile der Steine. Sandstein ist ein sehr lockerer Werkstoff, den man je nach Quarzgehalt leicht verarbeiten kann. Er entstand als Ablagerung von Meeressand, der allmählich versteinerte. Es gibt verschiedene Arten von Sandstein in unserer Region. Flonheimer Sandstein wurde besonders geschätzt, da er recht leicht ist und daher gut zu bearbeiten ist. Bereits die Römer nutzten ihn, z.B. für den Nymphenstein, die „Geburtsurkunde“ Alzeys. Heute lohnt es nicht mehr, in Flonheim Sandstein zu fördern, da die guten Schichten recht tief liegen und nur mit viel Aufwand abgebaut werden können.

Ein anderer Sandstein, den wir ebenfalls auf dem jüdischen Friedhof finden, stammt aus der Gegend von Kaiserslautern. Er enthält sehr viel Ton und ist daher porös und nicht wetterbeständig. Eine dritte Sorte stammt aus dem Odenwald und ist sehr hart und eisenhaltig. Daher oxydiert er und wird allmählich schwarz. Herr Geyer sagte, dass man die Oberschicht mit Kieselsäure härten kann. Allerdings dringt die Kieselsäure nicht tief ein und beim nächsten Frost platzt die Oberfläche ab. Es ist sehr schwer, ganze Steine mit Kieselsäure zu tränken. Herr Geyer meinte, dass man die Alzeyer Steine nicht mehr retten, sondern nur noch dokumentieren kann. „Man soll auch Denkmäler sterben lassen, wenn sie zu sehr verwittern“, bemerkte er, und Frau Rosenau ergänzte, dass dies der jüdischen Tradition entspricht und man Friedhöfe völlig sich selbst überlassen solle.

Auf dem alten Teil des jüdischen Friedhofs waren fast alle Steine aus Sandstein. Der neuere, um die Jahrhundertwende angelegte Bereich enthält Steine, die aus basalt- oder granitartigem Material bestehen und – so Herr Geyer – das nächste Jahrtausend überdauern könnten. Diese Steine waren teuer, da sie sehr schwer zu bearbeiten und transportieren sind. Abschließend zeigte uns Frau Rosenau den Grabstein von Richard Kahn, der ursprünglich mit Metalllettern beschriftet war und während der NS-Zeit demoliert wurde, da Kahn bei einem politisch motivierten Streit von einem Nationalsozialisten erschossen wurde.

Als nächsten Schritt werden wir alle Grabsteine durch Metallschilder kennzeichnen, bevor wir im Frühjahr mit der Kartierung der über 300 Monumente fortfahren. Neue Mitstreiter sind immer willkommen. Wir treffen uns montags in der Mittagspause im Computerraum N126.

Ein Bericht von Matthias Auer, Steffen Borens, Young Lee, Sascha Scherer, Jonas Schmidt und Erik Werner

Jüdischer Friedhof in Alzey

Jüdischer Friedhof in Alzey

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