Szenische Lesung zu Faust

Die Mensa der beiden Alzeyer Gymnasien füllt sich allmählich zur dritten Stunde. Sämtliche Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Gymnasiums am Römerkastell nehmen Platz in den langen Stuhlreihen gegenüber der Bühne. Vor ihnen sitzen erhöht zwei Gäste der Schule, Lavinia Heilig und Tino Leo, die darauf warten, dass Ruhe einkehrt.

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Lavinia Heilig und Tino Leo

Am Freitag, den 17. Juni 2016, nehmen alle Zwölftklässler der Schule an einer szenischen Lesung zu Goethes Faust teil. Nicht alle Schüler sind begeistert von der Pflichtveranstaltung, einige geben unumwunden zu, sie hätten lieber ihre Freistunde genossen als an der einstündigen Veranstaltung teilzunehmen. Doch bereits wenige Minuten, nachdem Lavinia Heilig und Tino Leo angefangen haben zu lesen, ändert sich die Stimmung im Saal und die meisten Schüler lauschen gebannt der Präsentation. Stimmgewaltig schlüpfen die beiden Personen auf der Bühne in die unterschiedlichen Rollen des Dramas und unterstützen ihren Vortrag mit entsprechender Mimik und Gestik. Den Faust in knapp 60 Minuten zu zweit vorzutragen, stellt eine große Herausforderung dar, der sich Tino Leo und seine Partnerin stellen, um den Jugendlichen Appetit auf das gewaltige Werk Goethes zu machen. Tino Leo, der 1992 Abitur am Mainzer Willigis-Gymnasium machte, gibt zu, als Schüler selbst nicht viel aus der Unterrichtsreihe zu Goethes Faust mitgenommen zu haben. Sein Anliegen ist es, die Handlung des Dramas auf die zentralen inhaltlichen Punkte runterzubrechen und den Schülern zu präsentieren. Auf Nachfrage einer Schülerin bestätigt Lavinia Heilig, die nach ihrem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften als Theaterpädagogin in Berlin tätig ist, den Fokus auf die Gretchenhandlung gelegt zu haben. Das Schicksal der jungen Frau, die von Faust geschwängert, dann von ihm verlassen worden ist und nun an den Rand der Gesellschaft gedrängt, verzweifelt ihr Kind umbringt und dafür eingekerkert wird, berühre die Schüler oft mehr als die Gelehrtentragödie ist sie sich sicher. Dabei soll Goethes Sprache nicht vernachlässigt werden und tatsächlich werden über 90 Prozent der Lesung im originalen Wortlaut vorgetragen. Der Vortrag wird von Musik und Geräuschen, die von der Technik-AG der Schule eingespielt werden, unterstützt. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, den doch schwierigen Text in die Gegenwart zu übersetzen. So erklärt Lavinia Heilig, dass die Walpurgisnachtszene mit Techno-Musik unterlegt wird, um den Zuhörern den Rausch, in dem sich Faust und Mephisto befinden, näherzubringen, während Gretchen in der Szene „Dom“, begleitet von unheimlichen Geräuschen, immer mehr dem Wahnsinn verfällt. Die gemeinsame Arbeit von Lavinia Heilig und Tino Leo, der bereits als Schüler Theaterluft schnupperte und später die Schauspielschule in Mainz und Klagenfurt besuchte, erweist sich als fruchtbar: Sie begegnet dem Text aufbauend auf ihren Studienkenntnissen von der wissenschaftlichen Seite, während Tino Leo seine Erfahrung als Schauspieler in die Präsentation einbringt. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Die Rückmeldungen der Schüler am Ende der Lesung sind sehr positiv. Obwohl noch nicht alle das Drama im Unterricht besprochen haben, haben sie der Präsentation gut folgen können und eine Idee davon bekommen, worum es im Faust geht. Dies ist auch das Anliegen der Deutschlehrer der Schule. Die Schüler sollen die Scheu verlieren, sich mit Goethes monumentalem Werk, das für viele unbestritten zum Pflichtkanon gehört, auseinanderzusetzen. Selbstverständlich ersetzt die szenische Lesung nicht die Behandlung der Tragödie im Unterricht, soll aber den Zugang zum Faust erleichtern. Großer Dank geht dabei an den Förderverein der Schule, der die komplette Veranstaltung finanziert hat, sodass die Schüler keine Kosten zu tragen hatten und sich ganz auf die Lesung konzentrieren konnten. Eine gelungene Veranstaltung, die dazu motiviert, weitere dieser Art an der Schule zu präsentieren und somit den Literaturunterricht noch lebendiger zu gestalten.

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Christina Froesch

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